Kabarettist Jürgen Becker gibt Gastspiel im Visbeker Rathaus 13.02.2014

Text: Gerd Lauer


Kabarettist Jürgen Becker

„Der Künstler transzendiert das Erhabene“
Mit dem Kabarettisten Jürgen Becker durch 20.000 Jahre Kunstgeschichte

Am Ende seines über zweistündigen Programms hatte Jürgen Becker für die Zuhörer im prall gefüllten Visbeker Ratssaal eine versöhnliche Botschaft: Wir alle sind Künstler – auf irgendeinem Gebiet. Jeder habe Talente. Die müssten nur entdeckt und gefördert werden. Nach einem Parforceritt durch die Kunstgeschichte blickte der Kabarettist durch einen leeren Bilderrahmen auf sein Publikum. Dieses „Kunstwerk“ animierte ihn zu der Bemerkung: „Die Künstler sind anwesend“. Und angesichts seines dankbaren Publikums ergänzte er: „Wenn Sie wieder einmal hier sind, sagen Sie Bescheid. Dann komme ich auch!“
Auf höchst amüsante Weise und mit spitzer Zunge spannt Becker in seinem Solo-Programm „Der Künstler ist anwesend“ einen Bogen von mehr als 20.000 Jahre alten Höhlenmalereien bis zur Kunst der Gegenwart, für einige der Zuhörer im katholisch geprägten Südoldenburg mitunter hart an der Grenze des guten Geschmacks. Etwa bei der Interpretation eines der berühmtesten Motive der Kunstgeschichte – des röhrenden Hirschen. „Der röhrende Hirsch ist Kunst, die einem etwas sagt. Vor allem weiß man, was der Hirsch sagt: Will hier jemand fi….?“, so Becker, und er zeigt dazu eine Montage des Karikaturisten Anjo Hasse. Oder bei einem Bild, das Gustav Courbet 1866 malte und einen weiblichen Schoß zeigt. Was man sieht, sei nicht nur ein Ort der sexuellen Begierde. „Nein, es ist ja eine Drehtür, da kommt auch was raus – und zwar wir alle“. Somit trage das Bild, das im Pariser Museum d’Orsay hängt und das man zugegebenermaßen kaum auf einer Vernissage sehen werde, den genialen Titel „Der Ursprung der Welt“. Becker selbst räumt ein, dass er das Bild „nicht degoutant, sondern ordinär“ findet. Er würde es sich nicht ins Wohnzimmer hängen, aber: „Auch das Ordinäre, das Unzüchtige, das Provozierende und sogar das Hässliche gehören zur Kunst.“
Provozierendes Beispiel ist das Bild „Die Jungfrau Maria züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“ von Max Ernst. 1926 auch in Köln gezeigt, erschütterte ein Erdbeben der Entrüstung die Domstadt, und der Kölner Erzbischof erzwang die Schließung der Ausstellung wegen Gotteslästerung. Das Spannungsverhältnis zwischen Kirche und Religion bestehe noch heute, so Becker mit einem Hinweis auf den Streit um ein Kirchenfenster, das der berühmte Künstler Gerhard Richter für den Kölner Dom gestaltete. Erzbischof Meisner habe sich aufgeregt, dass ein Künstler, der kein Katholik sei, ein Fenster im Dom gestalten dürfe, das zudem überhaupt keinen Gottesbezug habe. Becker kann den Kardinal sogar „ein bisschen verstehen: Er hat ein Kirchenfenster bestellt und bekam ein Kneipenfenster“.
Anschaulich beantwortet Jürgen Becker in seinem Solo-Programm für mehr als 100 Kunstwerke auch die Frage, was sich der jeweilige Schöpfer wohl gedacht habe. Und er gibt nützliche Tipps für das Verhalten bei der Eröffnung einer Kunstausstellung. Das Wort Vernissage komme aus dem Französischen. „Vernis“ bedeute schlicht Firnis, also der Lack, den Künstler abschließend über ihre Bilder streichen, um sie zu konservieren. „Weshalb auf einer Vernissage immer so viele Lackaffen rumhängen, meist schwarz gekleidet.“ Man kleide sich grundsätzlich wie auf einer Beerdigung, obwohl man beides nicht vergleichen könne. Becker: „Auf der Beerdigung ist die Stimmung besser.“ Nicht verlassen könne man sich auf Kunstkataloge. Über einen weiß lackierten Toaster, gefüllt mit ranziger Buttermilch, habe er im Begleittext gelesen: „Der Künstler transzendiert das Erhabene des bildhaft gewordenen Eklektizismus zu einer Metamorphose postmoderner Readymades, deren Gemachtheit im Spiegel des romantisierenden Geworfenseins diffundiert.“ Er habe sich gedacht, was der Autor wohl für Drogen nehme. Er selbst beherzige den Rat des Düsseldorfer Galeristen Schmela, der, bewundernd vor einem Bild stehend, zu sagen pflegte: „Was, Junge, der kann malen!“
Und schließlich beweist auch der Kabarettist, dass er sein Handwerk versteht: Nachdem er sich bei der Zugabe unter den durstigen Blicken der Zuhörer im warmen Rathaussaal ein Glas Kölsch gegönnt hat, lädt er alle kurzerhand zum Freibier ein.