Archäologie in der Gemeinde Visbek

Die Pferde der Sachsen

Text von Andreas Hummel


Varianz der Pferdegräber auf dem Visbeker Friedhof einmalig
Als im Sommer 2012 die archäologischen Untersuchungen am Uhlenkamp abgeschlossen wurden, waren sich die Ausgräber von denkmal3D noch nicht bewusst, wie einzigartig ihre ausgegrabenen Pferdegräber sind. Neben den menschlichen Bestattungen fanden sich über dem gesamten Friedhof verteilt mehr als 40 Gruben, in denen ganze Pferde oder Teile davon niedergelegt worden sind. Das Besondere in Visbek ist neben der Anzahl die große Varianz dieser Gräber, die es bisher so noch nicht in Niedersachsen gab. Dabei lassen sich die Tierbestattungen in sechs Varianten unterteilen: Zum einen sind die Pferde vollständig, auf einer Seite liegend, in die Gruben gelangt (beim unweit gelegenen, etwa zeitgleichen Gräberfeld von Drantum wurden die Pferde beispielsweise in Bauchlage mit eingeknickten Beinen bestattet). Für den Kopf, der immer etwas erhöht im Norden lag, wurde sogar häufig eine separate Nische angelegt. Weiter fanden sich vollständige Pferde ohne Kopf. Diese Variante kennt man vor allem aus Mittel- und Süddeutschland. Auf eine ganz bewusste Niederlegung deutet auch Variante 3, nur der Kopf und die Gliedmaßen, hin, da letztere gekreuzt waren. Kleinere Gruben beinhalteten aber auch nur den Kopf oder Teile des Kopfes. Schließlich gab es auch große Grabgruben mit Kopfnischen, die jedoch keinerlei Knochen enthielten und gänzlich leer waren.
Pferdegräber sind vor allem für sächsische Friedhöfe des frühen Mittelalters typisch. Das berühmteste Pferdegrab dürfte aber jenes des Frankenkönigs Childerich bei Tournai (Belgien) sein. Dem Herrscher wurden neben reichen Beigaben auch ein geschirrtes Pferd mit ins Grab gegeben. Auch in dessen direktem Umfeld legte man bis zu zehn weitere Pferde nieder.
Wie die Tiere des Visbeker Gräberfeldes zu deuten sind, ist schwierig. Direkte Grabbeigaben von bestimmten Personen scheinen sie nicht zu sein, da die Pferde nicht zuweisbar sind. Ähnliche Situationen sind auf anderen Friedhöfen gern als "Opfergräber" gedeutet worden.
Es bleibt im Falle Visbeks also spannend. Wissenschaftlichen Untersuchungen ist es nun vorbehalten, die Gräber zu deuten. Erste archäozoologische Bestimmungen konnten bereits eine große Altersspanne der Tiere ermitteln. Auch wurden Erkenntnisse über das Geschlecht und die Widerristhöhe der Tiere gewonnen. Demnach waren die Visbeker Pferde durchschnittlich so groß wie heutige Isländer.
Letztendlich werden aber auch die Experten nicht vollkommen in die Vorstellungswelt der damaligen Menschen eindringen können. Die Präsenz dieser einzigartigen Hinterlassenschaften auf dem Visbeker Friedhof zeigt aber zumindest, wie groß der Stellenwert des Pferdes bei unseren Vorfahren gewesen sein muss.


 
Pferdegrab

Visbeker Pferdegrab nach der Freilegung. Der Kopf liegt erhöht im Norden
Foto: D. Behrens, denkmal3D


 
Pferdeschaedel

Grube mit Pferdeschädel. Sollten Teile des Tieres stellvertretend für das ganze Pferd gelten?
Foto: D. Behrens, denkmal3D


 

Die Waffen der Sachsen

Text von Andreas Hummel


Spatha

Schwerter in Visbeker Gräbern lassen auf neue Erkenntnisse hoffen
Schwerter waren im Frühmittelalter aufgrund ihrer aufwändigen Herstellung und den hohen Kosten zumeist nur wohlhabenden Kriegern vorbehalten. In den Gräbern des Frühmittelalters finden sich in Niedersachsen Saxe und Spathae (Singular: Spatha). Saxe sind einschneidige Hiebschwerter, die man je nach Größe und Form in Kurz-, Schmal-, Breit- oder Langsax unterteilt. Spathae dagegen sind zweischneidige Schwerter mit einer geraden Klinge. Sie gehören neben der Lanze, Pfeilspitzen sowie Schilden oder anderen Schutzgegenständen zur Waffenausstattung der Altsachsen. Vollständige Waffenensembles finden sich jedoch eher selten in den Gräbern. Häufiger trifft man auf eine Auswahl der genannten oder auf einzelne Waffen, so auch im Visbeker Gräberfeld auf dem Uhlenkamp.
Dort hoben sich zwei der Körpergräber durch ihre Grabtiefe und ihrer Beigabenausstattung besonders hervor. Es handelt sich um die einzigen beiden Gräber, die jeweils einen Sax und Reitersporen als Grabbeigabe enthielten. Die wertvollen Eisengegenstände dieser "Reitergräber" wurden bei der Ausgrabung vorsichtig in einem Gipsblock geborgen. Die Restaurierungen der Stücke und die Röntgenbilder brachten inzwischen weitere Fundstücke zum Vorschein, die man vor Ort noch gar nicht ausmachen konnte. Dazu zählen Klappmesser, Pinzetten, Gürtelschnallen, Riemenbeschläge und Pfrieme. Diese Zusammensetzung lässt vermuten, dass den Toten hier kleine Täschchen mit ins Jenseits gegeben worden sind. Leder-, Textil- und Holzreste liefern außerdem Informationen zur Schwertscheide oder zum Griff. Grundsätzlich lässt die Saxbeigabe vermuten, dass es sich bei den hier Bestatteten um Personen mit einem höheren sozialen Rang gehandelt haben könnte.
Ein Forschungsprojekt zu Schwertern aus Westfalen zeigt, welche Erkenntnismöglichkeiten dem heutigen Archäologen zur Verfügung stehen: Mittels Computertomografie werden die Funde dreidimensional geröntgt. So blickt man in die Schwerter hinein und erhält Informationen zur Herstellungstechnik. Gerade die komplex aufgebauten Spathae lassen auf eine hochspezialisierte Schmiedekunst schließen. Es ist zu wünschen, dass auch die beiden Visbeker Saxe diese Datenbasis erweitern können, um in Zukunft weiterführende Forschungen zu diesem spannenden Thema der frühmittelalterlichen Krieger durchführen zu können.


Spatha eines Grabes von Wünneberg-Fürstenberg, Kr. Paderborn
Foto: LWL-Archäologie für Westfalen, Stefan Brentführer


Visbeker Sax bei der Freilegung bei den Restaurierungsarbeiten
Foto: Christiane Matz, VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land GmbH


"Reitergrab 2" während der Ausgrabung. Es enthält einen Sax (mit Lederscheide und Holzgriff), einen Reitersporn, zwei Gürtelschnallen, ein Klappmesser, eine Schnalle und einen Dorn
Foto: D. Behrens, denkmal3D


 

Neues vom Visbeker Gräberfeld: Die Perlen der Sachsen

Text von Andreas Hummel


Perlenschmuck

Als im frühen Sommer 2012 die letzten Fundstücke aus dem Sandboden im Visbeker Baugebiet Uhlenkamp geborgen wurden, war allen Ausgräbern klar, dass eine bedeutende Fundstelle entdeckt worden ist. Doch in all den Messern, Knochen, Perlen und Keramikscherben steckten noch viele weitere Informationen. Verschiedene Wissenschaftler, darunter Archäologen, Archäozoologen und Restauratoren nahmen sich inzwischen der Funde an und erforschten sie weiter.
Mit Beginn der Reihe "Neues vom Visbeker Gräberfeld" sollen in regelmäßigen Abständen Einblicke in diese Arbeit und damit in die frühmittelalterliche Welt der Sachsen gewährt werden. 

Sächsische Perlen in Visbeker Gräbern
Während der archäologischen Ausgrabung sind etwa 180 Körpergräber entdeckt worden. Körpergräber sind Grabgruben, in denen der vollständige, zu bestattende Mensch niedergelegt worden ist. In einem Teil dieser Gräber fanden sich vereinzelte oder ganze Ensembles von Perlen unterschiedlichster Farbe. In anderen Gräberfeldern Niedersachsens wurden die großen Kolliers und Ketten meistens den Frauen zugewiesen. Ob dies auch in Visbek so ist, werden die Untersuchungen an den vorwiegend aus Glas bestehenden Objekten sowie an den anderen Grabbeigaben zeigen. Mit mehr als 360 Perlen liegt eine stattliche Anzahl vor, aus denen jede Menge Informationen gewonnen werden können.

Material und Verarbeitung
Neben Glasperlen sind auch solche aus Metall, Bernstein, natürlichen Kristallen oder aus Muschelscheibchen geborgen worden. Während die Exemplare aus Glas teilweise ausgezeichnet erhalten sind, hatten letztere im Visbeker Sandboden, ähnlich wie menschliche Knochen, nur wenige Chancen, eine Zeit von 1200 Jahren zu überdauern. Die unterschiedlichen Perlenmaterialien wurden geschnitzt, geschliffen, durchbohrt oder heiß durchstochen. Die Technologie der Glasverarbeitung ist jedoch am eindrucksvollsten: Zum einen wurde ein Metallstab mit der zähflüssigen Glasmasse umwickelt. Zum anderen wurde das auf über 700 Grad erhitzte Glas gezogen. Das Hinzugeben von Metalloxiden bewirkte, dass die Perlen verschiedene, oft leuchtende Farben annahmen. Einfarbigen Perlen wurden häufig noch einzelne Tropfen oder Fäden zur Verzierung aufgelegt. Am aufwändigsten waren aber sogenannte Mosaik- oder Millefioriperlen (ital. "tausend Blumen"), bei denen man einzelne Glasplättchen zu komplexen Mustern miteinander verschmolz.

Visbeker Formen und Handel
Im Perlenbestand des Gräberfeldes findet sich ein reicher Schatz an Formen und Verzierungen. Die oft kleiner als einen Zentimeter großen Stücke weisen kugelige, Würfel- und Röhrchen- bis hin zu Quader- und Scheibenformen auf. Unter den Millefioriperlen treten schachbrett-, blumen- und sternchenartige Muster, aber auch sogenannte "Augen", kreisförmige Punktverzierungen, auf. Sie belegen auch die Handelsbeziehungen der damals in Visbek lebenden Bevölkerung, da lokale Werkstätten nicht gefunden wurden. Von wo genau die Visbeker ihre Perlen bezogen, ist vorerst unbekannt, wenngleich der Perlenhandel im Allgemeinen noch nicht gut erforscht ist. Bekannte Produktionsplätze waren Ribe, Dänemark, Maastricht, Niederlande sowie Städte wie Köln, Trier oder Andernach, wo seit der römischen Antike eine hochentwickelte Glas- und Perlenproduktion existierte. Mit einer dünnen Metallfolie überfangene Perlen könnten sogar aus dem vorderasiatischen oder ägyptischen Raum stammen.

Der Quellenwert der Perlen und ihrer Verteilung auf dem ausgegrabenen Friedhof ist nicht zu überschätzen, können doch entscheidende Informationen zur Datierung und zum Reichtum der Gräber, aber auch zu Handelsbeziehungen und Fernkontakten der sächsischen Bevölkerung in Visbek gewonnen werden.


Freilegung einer Bestattung während der Ausgrabung: Dem Toten sind ein Eisenmesser, Perlenschmuck und ein Topf, vermutlich mit Speiseresten, mit ins Jenseits gegeben worden. Die bestattete Person ist nur noch in Form des sogenannten Leichenschattens erkennbar.
Foto: D. Behrens, denkmal3D


Perlenschmuck eines Frauengrabes. Die Reihung der Kette ist noch erkennbar.
Foto: D. Behrens, denkmal3D


Kopfbereich eines Körpergrabes, Detail. neben einem tordierten Bronzering liegen u.a. Millefioriperlen mit Schachbrett- und anderen Mustern.
Foto: D. Behrens, denkmal3D


Detail einer Perlenkette während der Freilegung in der Restaurierung. Der gesamte Kopfbereich wurde zunächst mit Gips ummantelt. So konnte der entstandene Block nach der Ausgrabung, ohne der Witterung ausgesetzt zu sein, ausgegraben werden.
Foto: Christiane Matz, VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land GmbH