Vortrag „Menschenraub“: „Staatlich verübtes Unrecht“

Muhle

Historikerin und „Opus Primum“-Preisträgerin Dr. Susanne Muhle zu Gast beim Kulturkreis Visbek
Entführt, eingesperrt, hingerichtet – In ihrem spannenden Vortrag berichtet Susanne Muhle am Beispiel spektakulärer Einzelfälle von einem bisher kaum bekannten Kapitel früher DDR-Geschichte: Die Verschleppung von etwa 400 Menschen aus Westdeutschland in die DDR, im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).
Opfer dieser Entführungen waren zum einen seitens der SED-Führung als besonders gefährlich eingestufte DDR-Gegner und Antikommunisten, aber auch geflohene SED-Genossen und Stasi-Mitarbeiter. Die Täter rekrutierte die Stasi vielfach aus dem Kriminellen-Milieu der Bundesrepublik.
Großes Aufsehen erregte 1952 die Entführung des Rechtsanwalts Walter Linse in West-Berlin. Der 49-Jährige war Mitarbeiter des Untersuchungsausschusses Freiheitlicher Juristen (UFJ), der die zahlreichen Rechtsverletzungen in der DDR aufdecken wollte. Er wurde frühmorgens auf offener Straße niedergeschlagen und in ein Auto gezerrt. Linse wurde wegen Spionage verurteilt und 1953 in Moskau hingerichtet. Seinem Nachfolger beim UFJ, Erwin Neumann, widerfuhr 1958 das gleiche Schicksal. Er wurde bei einem Segeltörn auf dem Wannsee entführt. Ein Stasi-IM hatte sich Neumanns Vertrauen erschlichen, ihn während der Segeltour betäubt und über die Grenze auf DDR-Gebiet gebracht, wo er 1959 zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde.
Die Prozesse gegen die Entführungsopfer waren zumeist Schauprozesse, deren Urteile bereits vorher feststanden. Die Hälfte der 400 Verschleppten verbrachte zehn Jahre und mehr im Gefängnis, zwei Dutzend wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Susanne Muhle schildert die 1950er Jahre als die repressivsten Jahre des SED-Regimes. „Die SED versuchte auch jenseits der staatlichen Grenzen ihre Herrschaft durchzusetzen,“ sagt die Berliner Historikerin. Nach dem Mauerbau habe es nur noch wenige Entführungen gegeben, 1964 die letzte.
Das über 600 Seiten starke Buch „Auftrag: Menschenraub“ ist das Ergebnis akribischer Forschungsarbeit. „Ich habe während meiner Arbeit in den Archiven bestimmt 400.000 Blatt Papier in den Händen gehabt“, erzählt Susanne Muhle. Dafür erhielt sie im November letzten Jahres den Förderpreis „Opus Primum“ der Volkswagen-Stiftung.
Das Publikum zeigte am Vortrag reges Interesse. Viele nutzten die Gelegenheit, der Historikerin im Anschluss weitere Fragen zu stellen, die die 35-Jährige ausführlich beantwortete. Die viel diskutierte Frage eines Zuhörers: „War die DDR ein Unrechtsstaat?“ kam für Susanne Muhle wohl nicht überraschend. Sie bemühte sich um eine differenziertere Antwort: „Ich würde von 'staatlich verübtem Unrecht' sprechen.“