Es gibt keine Experten für das Glücklichsein

Luetz

Manfred Lütz stellt im Visbeker Rathaus eine „Psychologie des Gelingens“ vor
Darf man sich bei einem Vortrag über ein so ernstes Thema wie das Glücklichsein schlapp lachen? – Man darf. Und man kann auch nicht anders, wenn der Vortragende Dr. Manfred Lütz ist. Den hatte der Visbeker Kulturkreis jetzt eingeladen, sein neues Buch „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden – Eine Psychologie des Gelingens“ vorzustellen.

Es war nach 2010 schon der zweite Auftritt des Psychiaters, Psychotherapeuten und Theologen, der den weit mehr als 200 Zuhörern im ausverkauften Visbeker Rathaussaal gestand, dass er eigentlich nur deshalb Bücher schreibe, um hierher eingeladen zu werden. Als Rheinländer fahre er eigentlich nicht gern so weit weg („Fast bis an den Polarkreis“), zumal im Norden schon einmal jemand durch ein Buch hindurch erstochen worden sei, nämlich der Heilige Bonifatius bei den Friesen durch die Bibel. „Aber Sie sind ja keine Friesen“, fügte er hinzu, deshalb sei Visbek so etwas wie ein „Geheimtipp“. Er machte auch sofort deutlich, dass er nicht als Psychiater gekommen sei („Dann gucken die Leute so künstlich“), und beruhigte das Publikum: „Ich merke nichts!“

Wer glücklich sein möchte, sollte nur das tun, was er für sinnvoll hält. So etwa lautet Lütz‘ einfaches Rezept. Er legte Wert auf die Feststellung, dass es sich bei seinem neuen Buch nicht um einen weiteren Ratgeber für das große Glück handle, sondern vielmehr um einen „Anti-Ratgeber gegen Anleitungen zum Unglücklichsein“. Als ihn ein Journalist einmal gefragt habe, wann er das letzte Mal glücklich gewesen sei, habe er geantwortet: „Vielleicht am Anfang des Interviews und hoffentlich auch am Ende.“

Niemand, so Lütz, könne „glücklich“ genau beschreiben. Glücksdefinitionen machten unglücklich. „Man wird feststellen, dass das bei einem selbst nicht so ist, und schon geht man den nächsten Ratgeber kaufen“. Das sei so ähnlich wie bei der Liebe. Sobald man versuche, sie zu definieren, gehe sie kaputt. So könne beispielsweise die Frage einer Frau an ihren Ehemann: „Warum liebst Du mich?“ durchaus eine Krise heraufbeschwören. Liebe sei wichtig, aber sie entziehe sich dem bloßen Wissen. Bücher über sie schafften die Illusion, dass die Liebe eine Wissenschaft oder Kunst sei, die man erlernen und dann beherrschen könne.

Auf der Erde gebe es ebenso viele Wege zum Glück, wie es Menschen gebe, denn Glück sei etwas sehr Persönliches. Somit könne es „den“ Experten für das Glücklichsein nicht geben, auch wenn sich unzählige Autoren dafür halten. Bei 90 Prozent der Ratschläge handle es sich um Banalitäten wie einmal richtig entspannen oder einen Tag in der Woche nichts tun. „Diese Empfehlung wurde schon vor 3000 Jahren in Stein gemeißelt“, erinnerte Lütz. Auch so genannter Wellness-Urlaub trage nichts zum Glücklichsein bei, sondern sei „Stress pur“. Null-Diäten nennt er Realsatire pur. Wenn er einmal kein Geld mehr haben sollte, werde er so etwas anbieten. Ein Erfolgsmodell, denn „weil das teuer ist, wird niemand zugeben, dass es nicht geholfen hat“. Die Fernsehshow „Germanys next Top-Model“ bezeichnet Lütz als „mörderisch“, weil sie Schuld an der Magersucht vieler junger Frauen sei. Das Problem der Sendung sei, dass nahezu 100 Prozent der Frauen die Sendung sähen, aber nur vier Prozent einen Körper für eine Model-Karriere hätten.  Das Fernsehformat sei eine „zynische Anleitung zum Unglücklichsein“, ganz abgesehen von dem Frauenbild, das dort vermittelt werde. Auch an Koch-Shows lässt Lütz kein gutes Haar. Das sei reiner Masochismus. „Das sitzt ein Publikum, das viel Geld bezahlt hat, und schaut Köchen beim Kochen zu – und bekommt nichts zu essen.“

Glücklich sein kann man auch im Leid, betonte Lütz, und erzählte von einem Ehepaar, das drei muskelkranke Söhne hatte und, nachdem diese verstorben waren, überlegte, ein behindertes Kind anzunehmen. Man sollte meinen, dass die beiden nach Jahren der aufopferungsvollen Pflege der Söhne endlich einmal an sich denken, mal Urlaub machen wollten oder so etwas. Offensichtlich haben sie in ihrem Leben einen Sinn gesehen und waren damit glücklich. Lütz beschrieb auch die Situation in einem kleinen Dorf, das viele Flüchtlinge aufnehmen musste. „Seitdem sind die Menschen dort viel glücklicher, denn sie können anderen Menschen in ihrer Not helfen.“ Das sei in sich sinnvoll und mache glücklich. Wer allerdings nur hilft, um glücklich zu werden, werde scheitern, so Lütz weiter, weil er die Flüchtlinge instrumentalisiere.

Erfolglos sei auch der, der glaube, Glück könne man gezielt herbeiführen. Das gelinge zwar beispielsweise durch den Konsum von Heroin, wovon er aber dringendst abrate. Letztendlich führe das nämlich zu großem Unglück. Ebenso Alkohol oder Glücksspiel. Auch wollten wir doch nicht wirklich auf der Intensivstation einer Klinik liegen mit einer Elektrode im Hirn, die dort permanent das Glückszentrum stimuliere.

Nach mehr als eineinhalb Stunden kurzweiliger Unterhaltung dankte das amüsierte Publikum Lütz mit langem Applaus. Bürgermeister Gerd Meyer überreichte ihm als Dankeschön für einen „hintergründigen Vortrag mit Tiefgang“ ein kleines Geschenk. Anschließend signierte der Autor bereitwillig seine Bücher und stand bei einem kleinen Imbiss im Rathausfoyer für Fragen des Publikums zur Verfügung.

 

Von Gerhard Lauer