Wie aus einer Rucksacktouristin eine Entwicklungshelferin wurde

Stella Deetjen

Stella Deetjen liest in Visbek aus ihrem Buch „Unberührbar – Mein Leben unter den Bettlern von Benares“
Groß, schlank, eine wilde Mähne blonder Dreadlocks und ein offenes, herzliches Lächeln im braungebrannten Gesicht: Stella Deetjen ist eine auffallende Erscheinung - und eine beeindruckende Persönlichkeit. Seit über zwanzig Jahren engagiert sie sich bereits in Indien und Nepal als Entwicklungshelferin, gründete 1996 die Hilfsorganisation Back to life. Auf Einladung des Kulturkreises Visbek las sie nun aus ihrem Buch „Unberührbar – Mein Leben unter den Bettlern von Benares“, in dem sie beschreibt, wie sie mit 24 Jahren als Rucksacktouristin nach Benares kam – und blieb.

Es gab diesen einen Schlüsselmoment, so erzählt es Stella Deetjen. Eine Begegnung, die die Weichen stellen sollte für ihren weiteren Lebensweg. Als die junge Frau Anfang der neunziger Jahre auf einem sechsmonatigen Backpacker-Trip durch Indien nach Benares kam, traf sie Musafir. Von Bauchkrämpfen geplagt, saß Stella auf einer Treppe am Straßenrand, als ein alter, leprakranker Bettler zu ihr kam, sie offenbar besorgt ansprach und ihr schließlich segnend seine Krallenhand auf den Kopf legte. Erschrocken sei sie wegen der Berührung eines Leprakranken gewesen, gesteht Deetjen, doch ihre Krämpfe lösten sich. Am nächsten Tag ging sie wieder zu den Bettlern, brachte Geschenke mit, um sich zu bedanken und lernte allmählich diese Menschen kennen, die aus der indischen Gesellschaft ausgestoßen waren, vertrieben von ihren Familien oder freiwillig gegangen, um den Angehörigen das gleiche Schicksal zu ersparen.

Fesselnd beschreibt Stella Deetjen, wie sie allmählich Einblick erhielt in das soziale Gefüge der Bettler. Vom Bettlerkönig Hiralal, von der harten Kindheit, die aus betteln, arbeiten und stehlen besteht, vom Leben auf wenigen Quadratmetern mit der ganzen Familie, ohne Abgrenzung, ohne Privatsphäre. „Didi“ wird Deetjen von ihren neuen Freunden genannt, „große Schwester“. Und weil sie ihren Namen nicht aussprechen können „Tara“ für „Stern“.

„Lepra“, erklärt Deetjen, „ist für die Inder die Strafe für ihr vorheriges Leben, etwas, das die Kranken selbst zu verantworten haben.“ Diesen Menschen ihre Würde zurückzugeben, sei ihr Antrieb gewesen. Als sie in einer Leprakolonie einer Schweizer Ärztin begegnete, die ihr erklärte, dass Lepra mit einer zweijährigen Medikamententherapie heilbar sei und ihr 100 Dollar gab, war das der Beginn ihres Projektes. Sie eröffnete eine Straßenklinik und hielt auf einer Plastikplane unter freiem Himmel Sprechstunden ab, versorgte die Wunden der Kranken und verabreichte Medikamente.Um das Geld dafür zu bekommen, schrieb sie lange Zeit Briefe an ihre Familie, Freunde und Bekannten, bis ihr Bruder in Deutschland „Back to Life“ aufbaute und damit dem Projekt regelmäßige Unterstützung sicherte. 2006 bekam Stella Deetjen in New York von Michail Gorbatschow den „World Hope Award“ überreicht.

Inzwischen hat „Tara Didi“ auch drei Kinderheime aufgebaut, um den Kindern von Leprabetroffenen und anderen Waisen ein sicheres Zuhause zu bieten und ihnen mit Bildung und individueller Förderung die Chance zu geben, in die indische Gesellschaft zurückzukehren. „Sie sind meine Pfeile für die indische Gesellschaft“, lächelt Stella Deetjen.

Im Anschluss an die Lesung berichtete die Entwicklungshelferin noch von ihrem zweiten Projekt, der Unterstützung von abgeschnitten im Himalaya lebenden Menschen in Mugu, Nepal.

Nach dem fesselnden Vortrag stand Stella Deetjen ihrem Publikum noch für Fragen zur Verfügung. Dass dieses Angebot ausführlich genutzt wurde, zeigte, wie beeindruckt die Zuhörer waren. Sie verabschiedeten Stella Deetjen mit langanhaltendem Applaus.

Text: Sandra Ischen-Lange